Die tragische Geschichte der Nacktschnecke

Ich laufe barfuß durch den Regen und wäre fast auf sie getreten, auf die große Nacktschnecke, die über den Asphalt glitscht. Ob es Regentropfen sind oder Tränen, die da unter ihren Fühlern schimmern, weiß ich nicht. Da sie so traurig aussieht, setze ich mich in die Pfütze neben sie, streichle über ihren glibberigen Rücken und frage, was los ist.

„Ich mag es nicht, so nass zu sein“, sagt sie. „Ich möchte ein Dach über dem Kopf haben.“
„Nacktschnecken sind immer nackt, so wie du.“

Sie wird wütend.
„Das ist ein ganz schäbiges Gerücht. Wir Nacktschnecken essen nur manchmal zu viel. Schlecken Eis. Lutschen Bonbons. Knabbern Kekse. Und dann werden wir dick und dicker. Ich konnte mich gerade noch mit aller Kraft aus dem Haus quetschen. Noch ein Stück Schokolade mehr, und ich wäre für immer in dem Gehäuse gefangen gewesen.“

Ich denke an das kleine Schneckenhaus, das bei mir daheim im Regal steht und kann es kaum glauben, dass sie da drin mal gelebt haben soll. Vorsichtig setze ich sie in meine Tasche und gehe mit ihr nach Hause.

Andrea Behnke, geb. 1969, ist Journalistin und Autorin, schreibt nicht nur, aber viel für Kinder und Jugendliche. Lebt und arbeitet in Bochum: www.andreabehnke.de

Die Autorin/Der Autor empfiehlt ihre/seine Geschichte für Kinder von 7-10.

Erstellt am Montag, 23.07.2012


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